Portrait eines Schweizer Verbrechens

In diesem Sommer habe ich ein, bis im Frühling 2021 verschollenes Manuskript meines Vaters Paul Townend redigiert, übersetzt und anfangs Dezember veröffentlicht

Originaltitel: Portrait Of A Swiss Crime, novel by Paul Townend

Portrait eines Schweizer Verbrechens 


Kriminalroman von Paul Townend. Ab Mitte November 2021 bestellen bei: 

Bücher Dillier, Poststrasse 8, 6060 Sarnen, 041 660 11 88 


ISBN: 978-3-7549-2843-1/ Preis: 27.-

INHALT

Portrait eines Schweizer Verbrechens

348 Seiten, jetzt im Buchhandel

 

«Das Problem mit diesem selbstzufriedenen kleinen Land», sagte meine Tante Emma, «ist, dass nie etwas passiert!» - So beginnt der letzte Kriminalroman des Schriftstellers, Malers und Hoteliers Paul Townend. 

Gleich zu Beginn wird eine tote Frau aus einer tiefen Schlucht geborgen. Ist sie das Opfer eines Unfalls, einer Selbsttötung oder eines Femizids? Sind junge Fremdarbeiter an dieser Geschichte beteiligt?

Die spannend, geradlinig und witzig erzählte Story handelt anfangs der 70er-Jahre in der Zentralschweiz. Martin, Sohn des Gemeindepräsidenten und seine Tante beteiligen sich tatkräftig an der Entwicklung des Geschehens.

Paul Townend (1925 - 2009)
verbrachte seine Kindheit und Jugend in Eastbourne und London, diente im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der Königlichen Marineluftwaffe. Nach dem Krieg reiste er als Reiseleiter in die Schweiz. In Obwalden führte er zusammen mit seiner Ehefrau Xenia Dansky ein Hotel am Sarnersee. Außerhalb der Tourismussaison arbeitete er als Ghostwriter für den Krimiautor Francis Durbridge und veröffentlichte vier eigene Kriminalromane sowie zahlreiche Artikel über hiesige Persönlichkeiten für das Obwaldner Wochenblatt.

Sein grösster Bucherfolg war The Man On The End Of The Rope (1960). Der packende Krimi wurde anfangs 60er Jahre von einer niederländischen Zeitung als Serie veröffentlicht. Dank Daniel Anker, dem bekannten Historiker, Journalisten und Autor von alpinen Führern und Bergbüchern wurde sein Bestseller von Emanuel Balsiger auf deutsch übersetzt und 2001 als Eigerjagd neu aufgelegt.
 
  Sein letzter, bis jetzt als verschollen geglaubter Kriminalroman, Portrait Of A Swiss Crime (1974) kam diesen Frühling zum Vorschein. Sein Sohn wird ihn redigieren, ins Deutsche übersetzen und bei epubli veröffentlichen.


Leseprobe: Seite 1 - 10

 

"PORTRÄT EINES SCHWEIZER VERBRECHENS" 

ein Kriminalroman von Paul Townend

 

 KAPITEL EINS 

 

"Das Problem mit diesem selbstzufriedenen kleinen Land", sagte meine Tante Emma, "ist, dass nie etwas passiert".

Es war ein guter Versuch. Allerdings waren wir alle nach einem schweren Sonntagsessen zu schläfrig, um den Fehdehandschuh aufzunehmen. Mutter unterdrückte heimlich ein Gähnen und Vater schaute auf seine Uhr. Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf und er sah sich nach unserer Kellnerin um.

“Fräulein!", rief er.

Die junge Frau war weit weg, aber ich hatte nicht mit der gewaltigen Tragkraft von Vaters Stimme gerechnet. Ein paar Weingläser zitterten, und die Leute an den Nachbartischen sahen irritiert auf. Im nächsten Moment war die Kellnerin bei uns und präsentierte die Rechnung. Da sie keine Einheimische war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie wusste, wer Vater war. Ich hatte mich geirrt.

"War alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Gemeindepräsident?” Vater grunzte zufrieden und ich vermute, dass er sein Trinkgeld vergrößerte. Im Gegensatz zu den meisten seiner politischen Kollegen bestand er nie auf seinem Titel, aber ich nehme an, es machte ihm nichts aus, ihn zu hören.

"Das Essen und der Service waren gut", sagte Mutter.

"Das sind sie immer", schniefte Tante Emma.

"Und ich muss sagen, ich bewundere ihre Tischwäsche. Sie ist so frisch und knackig."

"Natürlich. Das ist die Schweiz. Wie könnte es anders sein?"

Vater runzelte die Stirn über ihren säuerlichen Ton und sah wieder auf seine Uhr: "Es wird Zeit, dass wir gehen. Ich habe eine volle Aktentasche zu Hause."

Tante Emma schaute ihren Mann an, als wolle sie, dass er sie unterstütze, aber Onkel Hubert war damit beschäftigt, ‘Heath and Heather’ in seine Kirschholzpfeife zu stopfen und in den Taschen seiner Tweedjacke nach Streichhölzern zu tasten.

"Nun denn, Hans", räumte Tante Emma ein, hob ihre Handtasche auf und erhob sich: "danke für das tadellose Mittagessen, das tadellos serviert wurde. Jetzt werde ich mich in die Damentoilette zurückziehen, die zweifellos in tadellosem Zustand sein wird, und dort werde ich mir die Hände mit einer vakuumverpackten Seife waschen und sie auf einem Handtuch trocknen, das sterilisiert, homogenisiert und, soweit ich weiß, pasteurisiert wurde ..."

"Was zum Teufel willst du, Emmi? Französische Sanitäranlagen? Ein Loch im Boden und zwei grobe Abdrücke für deine Füße? "

Mutter verließ den Tisch, um ihrer Schwester zu folgen, und warf ihm mit herrlich weiblicher Unlogik über die Schulter: "Wirklich, Hans, musst du dich mit Emmi streiten, kurz bevor sie nach Hause fliegt?"

Ich hatte erwartet, dass Onkel Hubert mitmachen würde - das Glitzern des Kampfes war in seinen Augen zu sehen - aber vielleicht war er der Meinung, dass er der Schweizer Seite der Familie nicht gewachsen war, wenn diese drei zu eins in der Überzahl war. Er schmetterte uns ein ‘Heath and Heather’ entgegen und marschierte zu den ‘Herren’ ab.

Vater schaute uns fassungslos an: "Kann mir eines von euch beiden Kindern sagen, was das alles sollte? Ich hatte nicht die geringste Lust, mich mit eurer Tante zu streiten."

"Natürlich hast du das nicht, Papi", beruhigte ich ihn.

"Was zum Teufel ist dann in sie gefahren?"

"Das passiert jedes Mal", erklärte meine Schwester. "Hast du das nie bemerkt? Sie würde lieber bei uns bleiben. Sie hasst es, zurück nach England zu gehen."

"Warum in aller Welt tut sie es dann? Wir haben genug Platz, sie kann bleiben - ".

"Der Herr mit der Pfeife ist ihr Mann, weisst du. Und er arbeitet."

"Arbeit! Das nennst du Arbeit? Huberts gemütliche kleine Vorträge zwei- oder dreimal pro Woche - "

"Er ist in britischen akademischen Kreisen eine hoch angesehene Persönlichkeit", protestierte Hanna energisch: "Als ich in den letzten Ferien bei ihnen war, war ich überrascht, in welch leisem Ton die Leute über ihn sprachen. Er gilt als einer der größten lebenden Experten für die Dichter der Romantik."

"Gott im Himmel! Dichter! "

Diesmal explodierte Vater wirklich und war sich ausnahmsweise bewusst, dass er ein wenig zu laut gewesen war. Er drückte seine Zigarre mit einer verlegenen Geste aus und schaute sich entschuldigend im Lokal um. Zum Glück waren Mutter und Tante Emma in Sicht, die von den ‘Damen’ zurückkamen. Wir standen alle auf. Vater murmelte vor sich hin: "Die romantischen Dichter haben den britischen Devisenreserven viel Gutes getan, das ist alles, was ich sagen kann."

"Papi, es gibtnoch andere Dinge im Leben als Devisenreserven", wagte ich zu sagen.

"Jetzt fang du nicht auch noch an, mein Junge. Es ist schon schlimm genug, dass das Weibervolk ... ah, da seid ihr ja, meine Lieben. Wenn Hubert sich nicht verlaufen hat oder auf der Herrentoilette ein Sonett verfasst, könnten wir uns auf den Weg nach Hause machen. Ich muss mich auf eine Ausschusssitzung vorbereiten."

"Aber doch nicht heute Abend, mein Lieber?" jammerte Mutter: "Es ist der letzte Abend von Emmi und Hubert und du hast versprochen, sie zum Flughafen zu bringen."

"Tut mir furchtbar leid, meine Liebe. Ich habe gerade Heiri getroffen - es geht um die Wasserverschmutzung und er hat gesagt, dass sie unmöglich ohne mich auskommen können. Hanna kann sie hin fahren."

Meine Schwester wandte sich ab und murmelte: "Verflixt!” Dann fügte sie hinzu: "Ich muss mich auf den Unterricht vorbereiten, ich hatte eigentlich auf eine frühe Nacht gehofft."

Ich fand, dass sie schon den ganzen Morgen müde aussah, sowohl in der Kirche als auch als wir zum Bergrestaurant gefahren waren. Erst gegen Ende des Mittagessens hatte sie ein Wort gesagt.

"Heiri wer?", fragte meine Tante, als wir die Treppe vom Restaurant zur Garderobe hinaufstiegen: "Nicht zufällig der kleine Heiri Rüegg?"

"Ja, mein Schatz, dein alter Freund", sagte Mutter kokett: "Und ich versichere dir, dass heutzutage nichts mehr klein an ihm ist."

Tante Emma sah sie böse an: "Hör auf zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd, Louisa. Du weißt, dass ich den Mann nicht ausstehen kann."

"Dann sind wir schon zu zweit", sagte Hanna tröstend, nahm Tante Emmas Arm und ging mit ihr den Flur entlang: "Außerdem müssen wir ihn ja nicht sehen, selbst wenn er hier ist."

Aber wir taten es. Die Tür zu einem Privatzimmer öffnete sich, und eine Kellnerin, die ein schwer beladenes Tablett trug und knallrot im Gesicht war, schien von einer Welle teuren, männlichen Gelächters aus dem Raum gefegt zu werden. Wir hörten Hochdeutsch und erhaschten einen Blick auf Dr. Rüegg, der am Kopfende eines langen Tisches stand und sein Weinglas wie zum Abschied auf die scheidende Kellnerin erhob. Seine hübschen Gesichtszüge waren vom Lachen gezeichnet, und er war von einer Schar grinsender, weinroter Gesichter umgeben, die sich ihm zuwandten. Die Kellnerin hatte wütend ausgesehen. Es war ziemlich klar, dass das Lachen auf ihre Kosten gegangen war.

Hanna und meine Tante hatten sich beeilt und kletterten schon ins Auto, kichernd wie zwei Schulmädchen, als ich den Vorplatz erreichte.

Ich hielt einen Moment inne, um die Aussicht zu bewundern. Normalerweise war sie atemberaubend: ein weites Panorama aus See und Tal, eingebettet zwischen dicht bewaldeten Hügeln, mit riesigen weißgezackten Bergen als prächtigem Hintergrund. Doch heute hatten dicke Wolken einen Großteil der Pracht verdeckt und die Szene in eine Art trübe Suppe gehüllt. Jede Bewegung war ausgelöscht. Kein Windhauch rührte ein Blatt, einen Zweig, eine Wolke. Der See war wie das gläserne Auge eines Blinden, und selbst die Bäche, die in ihn hineinflossen, schienen in der Bewegung zu verharren. Es gab praktisch keine Geräusche außer dem gelegentlichen Auto, das die Bergstraße hinauffuhr, und hin und wieder das dumpfe Klirren von Kuhglocken von den Hängen hoch oben hinter uns. Das ganze Land schlief nicht nur, dachte ich, es schnarchte regelrecht.

Nach einer Weile gesellten sich Mutter und Onkel Hubert zu mir, aber Dr. Rüegg hatte Vater offensichtlich in die Falle gelockt. Man hörte Rüeggs hohes Gackern, das von Vaters großer dröhnender Stimme überlagert wurde.

Onkel Hubert fragte gereizt: "Wer ist dieser widerliche Mann?"

Mutter warf ihm einen vorsichtigen Blick zu, dann lachten wir beide, als wir die Situation erkannten. Wir hatten uns zuvor in Schweizer Dialekt unterhalten, von dem Onkel Hubert, obwohl er seit zwanzig Jahren mit einer Schweizerin verheiratet war, kein Wort verstand.

Mutter antwortete: "Das ist der neue Geschäftspartner von Hans, Dr. Heinrich Rüegg".

"Doktor? Sieht für mich eher wie ein Playboy aus."

"Doktor der Rechtswissenschaften, nicht der Medizin", ergänzte ich. "Tatsächlich ist er nicht irgendein Anwalt, sondern eine große Nummer in juristischen Kreisen. Er ist Staatsanwalt."

"Was zum Teufel ist das?"

"State ... oder sagt man auf Englisch Public Prosecutor?"

"All diese Titel! Was für ein adliges Land! "

Onkel Hubert sprach verbittert. Er brannte eindeutig darauf, wieder nach Hause zu kommen. Als wir zu unserem verbeulten Mercedes hinübergingen, fuhr er wütend fort: "Weißt du, Martin, ich glaube, ich habe es endlich herausgefunden, wie die Schweizer ihr Leben verbringen und warum sie keine Zeit haben, einen lohnenden Beitrag zur Welt im Allgemeinen zu leisten. Ihre Hauptbeschäftigung scheint darin zu bestehen, sich großartige, mehrsilbige Titel für einander auszudenken und dann riesige Essenspartys zu organisieren, bei denen sie endlose, ohrenbetäubende Reden halten und sich dann gegenseitig diese albernen Titel verleihen. Das ist ein nationaler Zeitvertreib – das und das Händeschütteln."

"Jawohl, Herr Professor Oberstudienrat!", fiel mir spontan ein, und wir lachten alle, als wir uns auf den Rücksitz des alten Mercedes quetschten und auf Vater warteten. In der Nähe parkte eine riesige weisse amerikanische Limousine mit riesigen Heckflossen. "Dr. Rüeggs neuer Strassenkreuzer", sagte ich leise zu Hanna. Sie nickte. Tante Emma vorne hörte mich.

"Typisch! Je kleiner der Mann, desto größer das Auto. Das ist eine Form der sexuellen Entschädigung. "

Hanna und ich grinsten. "Genau der richtige Wagen für seinen Triumphzug nach Bern", sagte sie.

"Was hat Bern damit zu tun?"

"Dr. Rüegg kandidiert bei den Wahlen im nächsten Monat für den Kanton."

"Wird er reinkommen?"

"Wahrscheinlich. Er hat die Unterstützung, auf die es ankommt."

"Und welche ist das? Die dummen Frauen, nehme ich an. Jetzt, wo sie endlich das Wahlrecht haben, werden sie es dem erstbesten gutaussehenden Gesicht geben, das sie im Fernsehen sehen. Dass er Witwer ist, wird ihm auch nicht schaden; die Hälfte der weiblichen Bevölkerung wird ihn heimlich heiraten wollen und die andere Hälfte wird ihn bemuttern."

"Er wird nicht mehr lange Witwer bleiben. Es gibt Gerüchte, dass er wieder heiraten wird", sagte Mutter.

"Ich wette, sie ist so hässlich wie der Teufel und stinkreich."

"Niemand hat sie bisher zu Gesicht bekommen. Wenn es eine 'sie' gibt."

Hanna sagte: "Er wird zwar die Stimmen der Frauen bekommen, aber seine Hauptunterstützung kommt vom Establishment. Er ist Mitglied in so ziemlich jedem Wirtschaftsausschuss des Kantons. Wenn er nicht im Vorstand sitzt, schleicht er sich in der Regel an den Rand des Tisches, als 'Rechtsberater' oder mit einem ähnlichen Euphemismus."

"Die Amerikaner hätten eine schöne Beschreibung für den Mann", sagte Onkel Hubert: "Sie würden ihn als einen ‘wheeler-dealer’, als ein Schlitzohr bezeichnen."

"War das vorhin das Establishment, mit dem er Geschäfte gemacht hat?"

"Nein, das glaube ich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass es Deutsche waren. Das soll eine seiner profitableren Nebenbeschäftigungen sein."

Tante Emma runzelte die Stirn: "Ich versteh dich nicht. Nicht, dass es mich sonderlich interessieren würde."

Nicht viel, was dich nicht interessiert, dachte ich. Was war das für eine Geschichte mit Tante Emma und Heiri Rüegg, vor vielen Jahren? Ich musste Mutter nach den Details fragen. Hanna antwortete: "Ich denke, das waren deutsche Lämmer, die für die Schlachtung gemästet wurden. Reiche deutsche Lämmer, die geschröpft werden wollen."

"Deutsche?" Onkel Hubert hörte sich interessiert an: "Was wollen die in der Schweiz?"

"Alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Ich korrigiere. Was auch festgenagelt ist. Land. Eigentum. Fiktive Holdinggesellschaften zum Zwecke der Steuerhinterziehung. Bröckelnde Schlösser, bäuerliche Antiquitäten, Mietwohnungen, Luxusvillen in der Sonne - der halbe Kanton Tessin ist in deutscher Hand, und in Graubünden muss man bald den Schweizer Pass vorzeigen."

"Gibt es in der Schweiz keine Gesetze gegen so etwas?"

"Jede Menge. Und jede Menge Schweizer Anwälte, die den Deutschen zeigen, wie man sie umgeht. Es ist eine gigantische Farce, und Rüegg - "

"Also wirklich, Kinder, ich finde, ihr solltet nicht so über den neuen Partner eures Vaters reden." Mutter gurrte schon seit einiger Zeit missbilligend und meldete sich schließlich zu Wort. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus: "Ah, da kommt Papi endlich."

Vater sah zufrieden aus, als er sein schweres Gewicht hinter das Lenkrad sinken ließ und die Zündung einschaltete: "Das muss man Heiri lassen, der Mann steckt voller Ideen. Bezüglich Wasserverschmutzungskomitee heute Abend - ratet mal, was er sich ausgedacht hat? Eine Seeputzete! Eine gemeinsame Aktion, um den See zu säubern. Clever, was? Was haltet ihr davon, Kinder? Meint ihr, wir können die Jugend mit einbeziehen?"

Er liess die Kupplung kommen und fuhr zur Ausfahrt, wo der Vorplatz auf die steile Bergstrasse stiess, wobei er die ganze Zeit über die Schulter mit Hanna und mir sprach. Er schien von der Idee von Dr. Rüegg sehr angetan zu sein. Hanna sagte trocken: "Wenn du die Jugend nicht mit ins Boot holst, kann ich mir nicht vorstellen, wer sonst den See säubern soll. Großmütter und Schwiegertöchter?"

Vater ignorierte ihren Tonfall: "Genau das werden wir tun - die gespaltenen Generationen in die Sache einbeziehen und zusammenarbeiten lassen. Prächtig. Großartig." Er schwenkte den Wagen mit Begeisterung auf die Straße. Die Reifen kreischten, die Frauen kreischten, Vater fluchte, und über allem lag eine Welle italienischen Gesangs und Gelächters, als ein kleines Auto abscheulich dicht auffuhr und an uns vorbei auf den Vorplatz raste.

"Flammende Idioten! Mörderische Narren! Können die nicht aufpassen, wohin sie gehen? Hirnlose schwachsinnige Tschingge! Gott und Verdammnis, die hätten mich ja fast gerammt! ", schrie Vater. 

Ich dachte, dass wir es waren, die sie fast gerammt hätten - Vater war weit über die weiße Linie hinaus - aber ich sagte nichts. Wir blickten zurück, als Vater zitternd am Steuer saß und versuchte, seine Fassung wiederzuerlangen. Dieses vertraute Objekt eines Schweizer Sonntagnachmittags, ein winziger Fiat, vollgepackt mit italienischen Arbeitern, die eine Spritztour machen wollten, war vor dem Restaurant zum Stehen gekommen, und Horden von lachenden, gestikulierenden dunkelhaarigen Männern strömten aus dem kleinen Auto. Einige von ihnen kannte ich vom Sehen, aus der Fußballmannschaft. Ein verrückter Haufen, aber im Großen und Ganzen harmlos.

"Mein Gott, das war knapp", murmelte Onkel Hubert. Er sah erschüttert aus und ich dachte zuerst, er hätte seine Kirschholzpfeife verschluckt. Ich hatte Pech. Er holte sie vom Boden auf und begann sie mit zitternden Fingern mit ‘Heath and Heather’ zu stopfen. Hanna drehte sich abrupt um und wandte sich nach vorne; auch sie sah ziemlich erschüttert aus. Vater hörte auf zu fluchen und überlegte, ob er aussteigen und die Italiener wegen gefährlicher Fahrweise zurechtweisen sollte, dann überlegte er es sich anders und ließ den Motor wieder an.

"Verdammte Tschingge", murmelte er und fuhr vorsichtig den Hügel hinunter: "Die Hälfte von ihnen sollte nicht auf die Straße dürfen."

"Was ist ein Tschingg?", fragte Onkel Hubert.

"Slangwort für einen Italiener", sagte ich ihm: "Ich glaube, in England sagt man wop."

Vater brummte im Hintergrund weiter vor sich hin: "Ich weiß sowieso nicht, was sie an so einem Ort machen."

"Warum nicht?" fragte Onkel Hubert, ein wenig zu milde.

"Nun ... Ich hätte denken sollen, dass das offensichtlich ist. Das ist nicht ihre Art von Ort."

"Ach wirklich? Zutritt für ausländische Arbeitnehmer sozusagen verboten? Ich habe keine Schilder gesehen, auf denen stand: 'Farbige Fahrgäste bleiben hinten im Bus' und so weiter."

"Sei still, Hubert", schnauzte Tante Emma.

Er amüsierte sich jedoch zu sehr, um auf sie zu hören: "Sag mir, Hans, in deiner erhabenen Eigenschaft als Gemeindepräsident, was hältst du von der Apartheid in der Schweiz?"

"Von Apartheid kannkeine Rede sein! "

"Aber du bist doch der Meinung, dass man niedere ausländische Arbeiter in schicken Restaurants in den Bergen weder sehen noch hören sollte, oder?"

"Das habe ich nie gesagt. Ich – “

"Das hast du, weißt du."

"Sie können gehen, wohin sie wollen. Es ist ein freies Land."